Der Wechsel zu SAP S/4HANA: Drei Wege, ein Ziel, unterschiedliche Konsequenzen

Der Support für die klassische SAP-ERP-Generation läuft Ende 2027 aus. Damit steht für zahlreiche Unternehmen mit gewachsenen SAP-Landschaften eine grundlegende Entscheidung an: Wie soll der Wechsel zu SAP S/4HANA erfolgen? Anders als bei einer gewöhnlichen Softwareaktualisierung handelt es sich dabei um ein Projekt, das tief in bestehende Geschäftsprozesse, Datenstrukturen und über Jahre vorgenommene Systemanpassungen eingreift. Drei grundsätzliche Vorgehensweisen stehen zur Auswahl, die sich in Aufwand, Risiko und langfristigem Nutzen erheblich unterscheiden.

Kurzfassung

  • Eine SAP S/4HANA-Migration kann auf drei grundsätzlich verschiedenen Wegen erfolgen, die sich im Umgang mit bestehenden Prozessen und Daten klar unterscheiden.
  • Ein vollständiger Neuaufbau erlaubt eine Bereinigung gewachsener Strukturen, erfordert dafür jedoch deutlich mehr Zeit, Budget und Schulungsaufwand.
  • Eine Systemkonvertierung übernimmt bestehende Konfigurationen nahezu unverändert und reduziert dadurch Risiko und Umstellungsdauer erheblich.
  • Ein selektiver Ansatz kombiniert beide Methoden, indem nur bestimmte Bereiche neu aufgebaut werden, während andere unverändert übernommen werden.
  • Die Wahl des passenden Vorgehens hängt maßgeblich davon ab, wie stark das bestehende System im Lauf der Zeit angepasst wurde und wie viel historische Daten tatsächlich benötigt werden.

Warum die Migration mehr ist als ein technisches Update

Eine SAP S/4HANA-Migration unterscheidet sich von einem klassischen Versionswechsel dadurch, dass sie zugleich eine Entscheidung über künftige Geschäftsprozesse erzwingt. Bestehende Systeme enthalten häufig über Jahre gewachsene Anpassungen, eigenentwickelte Erweiterungen und historische Daten, deren Umfang die technische Komplexität eines Wechsels maßgeblich bestimmt. Wie viel davon erhalten bleiben soll und wie viel sich neu gestalten lässt, entscheidet darüber, welcher der drei verfügbaren Migrationswege infrage kommt.

Neuaufbau ohne Altlasten: Der Greenfield-Ansatz

Beim sogenannten Greenfield-Ansatz entsteht ein vollständig neues SAP-S/4HANA-System, ohne bestehende Konfigurationen oder Anpassungen. Geschäftsprozesse werden dabei von Grund auf neu definiert und an den von SAP vorgegebenen Standardprozessen ausgerichtet. Dieser Weg eröffnet die Möglichkeit, über Jahre angesammelte Sonderlösungen und technische Altlasten konsequent abzubauen, statt sie in ein neues System zu übertragen.

Der Preis für diese Bereinigung liegt im Aufwand: Da Prozesse neu gestaltet werden, müssen Mitarbeitende intensiv geschult werden, weil sich sowohl Oberfläche als auch Arbeitsabläufe grundlegend ändern. Die Projektlaufzeit fällt entsprechend länger aus, und auch das erforderliche Budget liegt regelmäßig über dem der beiden anderen Ansätze. Sinnvoll ist dieser Weg vor allem dann, wenn die bestehenden Systeme stark veralteten Strukturen folgen, eine grundlegende Standardisierung gewünscht ist oder ausreichend Zeit und Ressourcen für eine umfassende Neuimplementierung vorhanden sind.

Bestehendes übernehmen: Der Brownfield-Ansatz

Der gegenteilige Weg, die Brownfield-Migration, konvertiert das vorhandene SAP-System technisch in S/4HANA, ohne Prozesse, Konfigurationen oder historische Daten grundlegend zu verändern. Anwender arbeiten nach der Umstellung mit weitgehend vertrauten Abläufen, was den Schulungsaufwand spürbar reduziert und die Akzeptanz im Tagesgeschäft erleichtert.

Diese Methode gilt als der schnellste und meist auch kostengünstigste Weg zu S/4HANA, da automatisierte Konvertierungswerkzeuge einen erheblichen Teil der technischen Migration übernehmen. Historische Daten bleiben dabei vollständig zugänglich, was insbesondere für Auditierungen und regulatorische Nachweise relevant ist. Der Nachteil liegt darin, dass bestehende Ineffizienzen und technische Altlasten mit in das neue System übernommen werden, sofern sie nicht gezielt vor der Konvertierung bereinigt werden. Dieser Ansatz eignet sich besonders für Unternehmen mit vergleichsweise aktuellen, stabilen SAP-Implementierungen, die in erster Linie Betriebsunterbrechungen vermeiden möchten.

Selektive Migration als Mittelweg

Zwischen diesen beiden Extremen positioniert sich ein dritter Ansatz, der je nach Anbieter als Bluefield oder Selective Data Transition bezeichnet wird. Dabei werden zunächst die Prozesse und Funktionsbereiche identifiziert, die in das neue System überführt werden sollen, etwa einzelne Module oder Geschäftsbereiche mit besonderer strategischer Bedeutung. Für diese Bereiche kommt anschließend die Brownfield-Methode zum Einsatz, sodass bewährte Konfigurationen, Erweiterungen und Daten erhalten bleiben. Andere Bereiche, die als veraltet oder ineffizient gelten, werden hingegen nach dem Greenfield-Prinzip neu aufgebaut.

Diese Kombination ermöglicht eine gezielte Steuerung des Migrationsumfangs: Bewährte Strukturen bleiben bestehen, während gleichzeitig Raum für gezielte Modernisierung entsteht. Komplexe Großunternehmen mit umfangreichen Datenmengen und mehreren Geschäftseinheiten greifen häufig auf diesen Weg zurück, da er sich in mehreren Etappen umsetzen lässt und damit sowohl Risiko als auch Kapitalbindung über einen längeren Zeitraum verteilt. Allerdings erfordert die Koordination zwischen neu aufgebauten und übernommenen Systemteilen eine sorgfältige technische Planung, da Abhängigkeiten zwischen alten und neuen Komponenten berücksichtigt werden müssen.

Entscheidungskriterien für die Wahl des passenden Wegs

Welcher der drei Wege zum jeweiligen Unternehmen passt, lässt sich anhand einiger zentraler Fragen eingrenzen. Entscheidend ist zunächst, ob Kontinuität mit minimaler Betriebsunterbrechung im Vordergrund steht oder ob eine umfassende Prozessoptimierung angestrebt wird. Hinzu kommt das Ausmaß bisheriger Systemanpassungen: Stark angepasste, komplexe Systeme profitieren häufiger von einem Neuaufbau oder einer selektiven Migration, während kaum veränderte Systeme sich meist problemlos konvertieren lassen. Auch das verfügbare Budget bestimmt die Richtung mit, da ein vollständiger Neuaufbau in der Regel deutlich höhere Investitionen erfordert als eine reine Systemkonvertierung. Schließlich beeinflusst die Frage, wie viele historische Daten tatsächlich im Tagesbetrieb benötigt werden, die technische Komplexität des gewählten Migrationswegs.

Zeitlicher Rahmen und Projektumfang

Je nach Systemlandschaft, Unternehmensgröße, Anzahl der Geschäftseinheiten, Umfang an eigenentwickeltem Programmcode und Datenkomplexität erstrecken sich SAP-S/4HANA-Migrationen von der ersten Bestandsaufnahme bis zur Inbetriebnahme über einen Zeitraum von einem bis zwei Jahren. Diese Spannweite verdeutlicht, warum eine frühzeitige Planung entscheidend ist: Angesichts des bevorstehenden Supportendes für die klassische SAP-ERP-Generation verkürzt sich der realistisch verfügbare Zeitrahmen für viele Unternehmen erheblich, sobald Vorbereitung, Tests und Schulungen mit eingerechnet werden.

Fazi

Die Wahl zwischen Neuaufbau, Systemkonvertierung und selektiver Migration bestimmt maßgeblich, wie eine SAP S/4HANA-Migration in der Praxis verläuft und welche Konsequenzen sie für bestehende Prozesse hat. Während der Greenfield-Ansatz eine konsequente Bereinigung gewachsener Strukturen ermöglicht, sichert die Brownfield-Methode Kontinuität bei reduziertem Aufwand. Der selektive Weg verbindet beide Prinzipien, verlangt dafür jedoch eine präzisere technische Abstimmung. Maßgeblich für die richtige Entscheidung sind das Ausmaß bisheriger Systemanpassungen, das verfügbare Zeitfenster sowie die Frage, wie viel historische Substanz tatsächlich in das neue System übertragen werden muss.